Philosophie der Physik

Grundsätzliches

Auf der ZaPF in Siegen 2017/18 gab es einen AK zur Philosophie der Physik (https://zapf.wiki/WiSe17_AK_PhilosophiePhysik). Hierbei ist man zu dem Schluss gekommen, dass es sich grundsätzlich um ein Thema handelt, welches für Physikstudenten interessant sein könnte, bei dem es aber mangels Dozenten (und Zeit im Studium) schwierig ist, regulär Lehrveranstaltungen dazu durchzuführen. Aus diesem Grund soll auf dieser Seite eine Sammlung von Themen und Literatur angelegt werden, die interessierte Fachschaftler (oder auch Dozenten) nutzen können, um sich ins Thema einzuarbeiten und dies eventuell als Basis für Vorträge o.ä. zu nutzen.

Philosophie der Quantenmechanik

Folgende Texte können hier einen guten Einstieg bieten:

Quantum Mechanics and Experience (David Albert)
Text: Harvard University Press 1994
Ein Einführungsbuch, welches verschiedene Interpretationen diskutiert. Anschaulich, wenn auch mit einer gewissen Tendenz.

The Emergent Multiverse (David Wallace)
Text: Oxford University Press 2012
In diesem Buch wird die heutzutage vertretene und am besten ausgearbeitete Version der Viele-Welten-Interpretation entwickelt. Es bietet einen guten und sehr mathematischen Einstieg in die Probleme (dabei natürlich stark für eine bestimmte Sichtweise plädierend).

Incompleteness, Nonlocality and Realism (Michael Redhead)
Text: Clarendron Press, Oxford 1987
Dieses Buch beschäftigt sich speziell mit philosophischen Aspekten der quantenmechanischen Nichtlokalität.

Philosophie der speziellen Relativitätstheorie

Folgende Texte können hier einen guten Einstieg bieten:

Minkowski Spacetime: A glorious non-entity (Harvey Brown und Oliver Pooley)
Text: http://philsci-archive.pitt.edu/1661/1/Minkowski.pdf
Hierbei geht es um die Frage, ob es die Minkowski-Raumzeit wirklich gibt - eine Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist, wie man vielleicht meinen könnte.

How to teach Special Relativity (John Bell)
Text: John Bell "Speakable and Unspeakable in Quantum Mechanics" (Cambridge University Press 2011)
Dieser Text legte die Grundlage für die Debatte um die "Lorentz-Pädagogik". Es geht um die Frage, auf welche Weise man Studenten spezielle Relativitätstheorie beibringen soll. Angeregt wird, den Fokus dabei auf eine "mikroskopische" Interpretation der SRT statt auf eine Diskussion über Inertialsysteme zu legen.

The origin of the Spacetime Metric (Harvey Brown und Oliver Pooley)
Text: https://arxiv.org/pdf/gr-qc/9908048.pdf, Zitation: Physics meets Philosophy at the Planck Scale, C. Callender and N. Huggett(eds.), Cambridge University Press (2000)
Aufbauend auf Bells Arbeit wird diskutiert, was die Ursache von SRT-Effekten wie der Längenkontraktion ist. Hierbei bauen die Autoren ihre einflussreiche Position, den "Dynamical Approach" (Geometrie der Raumzeit ist Konsequenz der Symmetrie der Wechselwirkungen und nicht umgekehrt) auf. Behandelt werden außerdem Auswirkungen auf die allgemeine Relativitätstheorie.


The Twin Paradox and Conventionality of Simultaneity (Talal Debs und Michael Redhead)
Text: http://dx.doi.org/10.1119/1.18252, Zitation: 64, 384 (1996); doi: 10.1119/1.18252
Hier findet sich eine (auch für Physiker sehr interessante) Diskussion des Zwillingsparadoxons und der Frage, wie es zu lösen ist. Dies beziehen die Autoren auf die in der Philosophie der Relativitätstheorie heiß diskutierte Frage, ob die "Einstein-Konvention" für die Synchronisation von Uhren wirklich nur eine Konvention ist.

Physical Relavitity (Harvey Brown)
Text: Oxford University Press 2005
Das vermutlich bekannteste Buch zur Geschichte und Philosophie der Relativitätstheorie.

Simultaneity by Slow Clock Transport (Adolf Grünbaum)
Text: http://www.jstor.org/stable/186560, Zitation: Philosophy of Science, Vol. 36, No. 1 (Mar., 1969), pp. 5-43
Ein weiterer Beitrag zur Diskussion über Einstein-Synchronisation. Diskutiert wird, ob man zwei entfernte Uhren synchronisieren kann, indem man eine dritte Uhr langsam von einer zur anderen transportiert.

Causal Theories of Time and the Conventionality of Simultaneity (David Malament)
Text: http://www.jstor.org/stable/2214766, DOI: 10.2307/2214766, Zitation: Noûs, Vol. 11, No. 3, Symposium on Space and Time (Sep., 1977), pp. 293-300
In diesem Paper wird mathematisch bewiesen, dass sich mithilfe der Minkowski-Raumzeit-Struktur nur eine Synchronisation definieren lässt. (Dieser Beweis hatte großen Einfluss auf die philosophische Debatte.)

Zur Elektrodynamik bewegter Körper (Albert Einstein)
Text: http://users.physik.fu-berlin.de/~kleinert/files/1905_17_891-921.pdf, Zitation: Annalen der Physik Vol.333, Iss. 10 p.891-921, DOI 10.1002/andp.19053221004 Bern 1905
Einsteins erstes Paper zur Relativitätstheorie - darf hier natürlich nicht fehlen.

Philosophie der Statistischen Physik

Folgende Texte können hier einen guten Einstieg bieten:

The minus first law (Jos Uffink und Harvey Brown)
Text: https://www.physik.uni-augsburg.de/theo1/hanggi/Minus.pdf , Zitation: Studies in History and Philosophy of Modern Physics, Volume 32, Issue 4, December 2001, Pages 525-538
Die Autoren plädieren für die Einführung eines "minus ersten Hauptsatzes der Thermodynamik", welcher das Problem der zeitlichen Asymmetrie der Thermodynamik lösen soll. (Die Frage ist nämlich, ob der zweite Hauptsatz das tatsächlich tut.)


The case for black hole thermodynamics (David Wallace)
Text: https://arxiv.org/abs/1710.02724 (Teil 1), https://arxiv.org/abs/1710.02725 (Teil 2)
In letzten Jahren hat die Frage nach den thermodynamischen Eigenschaften von schwarzen Löchern größere Aufmerksamkeit unter Philosophen erlangt. Die Frage ist u.A., inwiefern aus der formalen Analogie zwischen den thermodynamischen Hauptsätzen und den Gesetzen für schwarze Löcher ein inhaltlicher Zusammenhang folgt und ob man schwarzen Löchern Entropie zuschreiben kann, obwohl sie keine Mikrozustände haben.