WiSe20 AK Seltsame Professuren: Unterschied zwischen den Versionen
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=== Problembeschreibung & Sammlung von Fällen === | === Problembeschreibung & Sammlung von Fällen === | ||
In Köln gab es in der Vergangenheit mehrere Berufungen (insb. beim sog. Jülicher Modell), bei denen zu Beginn des Verfahrens schon quasi feststand wer die Stelle bekommt. Bei diesen Professuren wird dann bei der Besetzung meist kaum auf Lehre geachtet, sie werden allerdings auch von den Stiftungen bezahlt. | In Köln gab es in der Vergangenheit mehrere Berufungen (insb. beim sog. Jülicher Modell), bei denen zu Beginn des Verfahrens schon quasi feststand wer die Stelle bekommt. Bei diesen Professuren wird dann bei der Besetzung meist kaum auf Lehre geachtet, sie werden allerdings auch von den Stiftungen bezahlt. Gibt es das auch an anderen Unis? | ||
Gibt es das auch an anderen Unis? | |||
Leon: An der FUB gibt es einzelne Fälle von Honorarprofessuren - eine Humboldt-Professur und eine Einstein-Professur, die jeweils 5 Jahre Laufzeit für den Hauptteil der Gelder haben (im Einstein-Fall wird die Person dann auch weiter von der Stiftung gezahlt). | Leon: An der FUB gibt es einzelne Fälle von Honorarprofessuren - eine Humboldt-Professur und eine Einstein-Professur, die jeweils 5 Jahre Laufzeit für den Hauptteil der Gelder haben (im Einstein-Fall wird die Person dann auch weiter von der Stiftung gezahlt). | ||
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Chris (Marburg): Bei ihnen gab es die Ansage, dass neue Professuren Humboldt-Professuren sein müssen, weil die Uni das sonst nicht finanzieren könnte. Die Alternative wäre, keine neuen Professuren zu bekommen. | Chris (Marburg): Bei ihnen gab es die Ansage, dass neue Professuren Humboldt-Professuren sein müssen, weil die Uni das sonst nicht finanzieren könnte. Die Alternative wäre, keine neuen Professuren zu bekommen. | ||
Paul merkt an dass das eine ziemlich kritische Situation ist, da es nur wenige (4-12 pro Jahr) | Paul merkt an, dass das eine ziemlich kritische Situation ist, da es nur wenige solcher Professuren gibt (4-12 pro Jahr). | ||
In Bonn gibt es auch Professuren nach Jülicher Modell (Jülich zahlt, dafür wenig Lehre). Ähnliche Kooperationen gibt es mit dem DLR oder DESI. | In Bonn gibt es auch Professuren nach Jülicher Modell (Jülich zahlt, dafür wenig Lehre). Ähnliche Kooperationen gibt es mit dem DLR oder DESI. | ||
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Jülich: Lehre steht bei solchen Berufungen selten im Vordergrund. | Jülich: Lehre steht bei solchen Berufungen selten im Vordergrund. | ||
Chris (Osnabrück): Inwiefern ist die daraus resultierende Lehre "nicht so gut"? Paul: Die Profs müssen deutlich weniger Lehre machen, in vielen Fällen ist die Lehre qualitativ schlecht. Meistens machen sie nur Spezialvorlesungen, gelegentlich werden sie aber auch für Grundvorlesungen eingesetzt. Die Arbeitsmoral war auch nicht immer gut. | Chris (Osnabrück): Inwiefern ist die daraus resultierende Lehre "nicht so gut"? | ||
Paul: Die Profs müssen deutlich weniger Lehre machen, in vielen Fällen ist die Lehre qualitativ schlecht. Meistens machen sie nur Spezialvorlesungen, gelegentlich werden sie aber auch für Grundvorlesungen eingesetzt. Die Arbeitsmoral war auch nicht immer gut. | |||
Johann: Hat die Erfahrungen bzgl. Lehre so nicht gemacht, die Lehre war so gut oder schlecht wie bei normalen Profs. Ihr Problem sind hauptsächlich die abgekarteten Berufungsverfahren, bei denen eine große Menge Aufwand betrieben wird obwohl schon entschieden ist, wer die Stelle bekommt. Wenn die Studis dann feststellen, | Johann (Bonn): Hat die Erfahrungen bzgl. Lehre so nicht gemacht, die Lehre war so gut oder schlecht wie bei normalen Profs. Ihr Problem sind hauptsächlich die abgekarteten Berufungsverfahren, bei denen eine große Menge Aufwand betrieben wird obwohl schon entschieden ist, wer die Stelle bekommt. Wenn die Studis dann feststellen, dass andere Kandidierende besser geeignet wären, haben sie nicht genug Einfluss um gegen das Verfahren durchzukommen. Außerdem ist es eine riesige Zeitverschwendung. | ||
Paul: Bei den Jülicher Professuren steht (für die Kommission) zumindest drauf worum es geht, aber man hat doch die Hoffnung dass sich etwas ändert. Er fragt in die Runde, ob solche abgekarterten Bewerbungen auch an anderen Unis vorkommen. | Paul: Bei den Jülicher Professuren steht (für die Kommission) zumindest drauf worum es geht, aber man hat dann doch die Hoffnung, dass sich etwas ändert. Er fragt in die Runde, ob solche abgekarterten Bewerbungen auch an anderen Unis vorkommen. | ||
Johann: In Bonn kennt er das nur mit solchen Jülicher Professuren. | Johann: In Bonn kennt er das nur mit solchen Jülicher Professuren. | ||
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Samuel (Jena): Bei Professuren, die nur wenig Lehre beinhalten, wurden in Verfahren oft Lehrproben stiefmütterlich behandelt, weil "die Lehre ja dann nicht so wichtig war". | Samuel (Jena): Bei Professuren, die nur wenig Lehre beinhalten, wurden in Verfahren oft Lehrproben stiefmütterlich behandelt, weil "die Lehre ja dann nicht so wichtig war". | ||
Johann stört sich hauptsächlich daran, dass so eine große Farce für eine "a | Johann stört sich hauptsächlich daran, dass so eine große Farce für eine "a personam" Berufung hochgezogen wird. NRW gibt hier den rechtlichen Rahmen, dass nur bei W3-Professuren auf ein Berufungsverfahren verzichtet werden kann. | ||
=== Was erwarten wir vom Titel "Prof" === | === Was erwarten wir vom Titel "Prof" === | ||
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Chris (Marburg) unterstützt das, der Titel "Prof." ist schließlich eine Berufsbezeichnung die aus der Lehre stammt. Er fände es schön, wenn wir entsprechend den Trend "Prof." als Prestige-Titel für reine Forscher:innen kritisieren. | Chris (Marburg) unterstützt das, der Titel "Prof." ist schließlich eine Berufsbezeichnung die aus der Lehre stammt. Er fände es schön, wenn wir entsprechend den Trend "Prof." als Prestige-Titel für reine Forscher:innen kritisieren. | ||
Chris (Osnabrück): Ist auch der Meinung, dass ein | Chris (Osnabrück): Ist auch der Meinung, dass ein:e Professor:in auch Lehre geben sollte. Reine Forschungsaktivität sollte keine Motivation sein, Prof zu werden. Wer selbstständig forschen will ohne dabei Lehre zu geben sollte dann auf den Titel verzichten (berichtet von einem Fall, wo eine Person ohne Prof-Titel durch die Noether-Stiftung (zeitlich begrenzt) finanziert wird). | ||
Paul fasst zusammen, dass wir uns wünschen dass Professor:innen auch Lehre halten. Daraus ergibt sich die Frage, wie viel Lehre für einen Prof. nötig ist und ob wir solche Stellen überhaupt gut heißen, oder ob jemand der:die gute Forschung macht immer auch gute Lehre halten sollte. | Paul fasst zusammen, dass wir uns wünschen dass Professor:innen auch Lehre halten. Daraus ergibt sich die Frage, wie viel Lehre für einen Prof. nötig ist und ob wir solche Stellen überhaupt gut heißen, oder ob jemand der:die gute Forschung macht immer auch gute Lehre halten sollte. | ||
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Andy wirft ein, dass das Abschaffen dieser Verfahren dem Missbrauch von ad-personam "Anstellungen" Tür und Tor öffnen würde, da dann niemand mehr störend einbezogen werden muss und Menschen einfach angestellt werden können, ohne dass die Lehrqualität überhaupt eine Rolle spielt. Aktuell fällt das zumindest noch negativ auf, wenn sinnlose Berufungsverfahren passieren. | Andy wirft ein, dass das Abschaffen dieser Verfahren dem Missbrauch von ad-personam "Anstellungen" Tür und Tor öffnen würde, da dann niemand mehr störend einbezogen werden muss und Menschen einfach angestellt werden können, ohne dass die Lehrqualität überhaupt eine Rolle spielt. Aktuell fällt das zumindest noch negativ auf, wenn sinnlose Berufungsverfahren passieren. | ||
Chris ( | Chris (Marburg): Wollen wir einen alternativen Titel zu Prof. für Menschen, die nur Forschung betreiben? (auch wenn das eher utopisch ist?) | ||
Fabs: Wenn wir das schon hinterfragen - wollen wir das Konzept von Professuren auf Lebenszeit überhaupt - könnte man das nicht anders regeln, z.B. gewählte Gruppenleiter:innen, die die Arbeit der Profs tun? | Fabs: Wenn wir das schon hinterfragen - wollen wir das Konzept von Professuren auf Lebenszeit überhaupt - könnte man das nicht anders regeln, z.B. gewählte Gruppenleiter:innen, die die Arbeit der Profs tun? | ||
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=== Gibt es Fälle wo ad-personam Berufungen sinnvoll sind? === | === Gibt es Fälle wo ad-personam Berufungen sinnvoll sind? === | ||
Paul meint, dass z.B. für besondere fachliche | Paul meint, dass z.B. für besondere fachliche Koryphäen nur ein solches Verfahren erfolgreich sein kann. | ||
In solchen Fällen sollte es trotzdem ein geordnetes Verfahren geben, dass die Einbeziehung von Aspekten der Lehre und Positionen anderer Statusgruppen ehrlich sicherstellt. | In solchen Fällen sollte es trotzdem ein geordnetes Verfahren geben, dass die Einbeziehung von Aspekten der Lehre und Positionen anderer Statusgruppen ehrlich sicherstellt. | ||
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Es gibt jedoch Stimmen im AK, die auch dann ad personam Verfahren kritisch sehen würden. | Es gibt jedoch Stimmen im AK, die auch dann ad personam Verfahren kritisch sehen würden. | ||
Es folgt ein kurzes Abschweifen zu Professuren, die extern gestiftet werden (z.B. von der | Es folgt ein kurzes Abschweifen zu Professuren, die extern gestiftet werden (z.B. von der Familie, denen Lidl gehört). Hier wird zusätzlich zu bisher besprochenem das Problem gesehen, dass diese Professuren ggf. nicht neutral ggü. ihren Stifter:innen sind. | ||
Johann: Von extern gestiftete Professuren sind mMn genau so ok, wie alle anderen. Das Problem sind die ad personam Professuren (wiederum unabhängig vom Geldgeber). | Johann: Von extern gestiftete Professuren sind mMn genau so ok, wie alle anderen. Das Problem sind die ad personam Professuren (wiederum unabhängig vom Geldgeber). | ||
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Andy: Das würde dann aber dazu führen, dass Geld für eine Person ausgegeben wird statt für eine Stelle, für die dann die passende Person gesucht wird. Fände das als Kriterium nicht ausreichend. | Andy: Das würde dann aber dazu führen, dass Geld für eine Person ausgegeben wird statt für eine Stelle, für die dann die passende Person gesucht wird. Fände das als Kriterium nicht ausreichend. | ||
Fabs: Bei einer Professur geht es scheinbar doch um vieles mehr als nur etwas Forschung, Lehre und Geld beschaffen. Der Titel hat eine gesellschaftliche Bedeutung und gibt der Person ein Gewicht. Er tut sich schwer damit, das ohne ein offenes Verfahren unter Einbeziehung aller Statusgruppen einer Person zu geben. Eine Ablehnung | Fabs: Bei einer Professur geht es scheinbar doch um vieles mehr als nur etwas Forschung, Lehre und Geld beschaffen. Der Titel hat eine gesellschaftliche Bedeutung und gibt der Person ein Gewicht. Er tut sich schwer damit, das ohne ein offenes Verfahren unter Einbeziehung aller Statusgruppen einer Person zu geben. Eine Ablehnung bei einem ad-personam Verfahren würde dazu führen, dass alle verlieren - die Uni das Geld und die Studis die Lehre. Er rechnet damit, dass in solchen Verfahren keine Nein-Fälle passieren würden. | ||
Andy (nach einigem Hin und Her zu den Details): Dann müsste man Berufungsverfahren schaffen, bei denen der konkrete Inhalt noch nicht festgelegt wird. So könnte man wissenschaftlichen Schwergewichten die | Andy (nach einigem Hin und Her zu den Details): Dann müsste man Berufungsverfahren schaffen, bei denen der konkrete Inhalt noch nicht festgelegt wird. So könnte man wissenschaftlichen Schwergewichten die Möglichkeiten bieten, die sie fordern, und trotzdem einen offenen Wettbewerb schaffen. | ||
Paul: Es gibt auch Fachbereiche, die so klein sind dass sich nur maximal eine Person auf eine Stelle bewirbt. Aber das ist wahrscheinlich ein anderes Problem. | Paul: Es gibt auch Fachbereiche, die so klein sind dass sich nur maximal eine Person auf eine Stelle bewirbt. Aber das ist wahrscheinlich ein anderes Problem. |